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Interprofessionelle Qualitätszirkel verbessern Medikation in Alters- und Pflegeheimen

13. März 2023

Mit ihrem gross angelegten Forschungsprojekt «Opportunities and Limitations of Describing in Nursing Homes» haben zwei Wissenschaftler:innen die Situation in Westschweizer Alters- und Pflegeheimen zur Medikation untersucht. Mit den erhobenen Daten konnten sie gezielte Interventionen definieren und im Blick auf interprofessionelle Arbeit zwischen Pflegenden, Ärzt:innen und Apothekern ein Empfehlungsprogramm ausarbeiten. Dazu gehört die pharmakologische Begleitung durch Apotheker:innen, die es bereits in einigen Westschweizer Heimen gibt.

Die Expert:innen

  • Dr. Anne Niquille und Dr. Damien Cateau, Universität Lausanne
  • Prof. Dr. med Omar Kherad, Universität Genf

Hindernisse in der Praxis

Pflegende berichteten jedoch von einigen Hindernissen. Die Komplexität des Gesundheitszustandes und kognitive Störungen erschweren den Prozess der Reduktion der Medikamente. Interprofessionelle Arbeit braucht Zeit und verlangt nach effizienter Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren. Einige Bewohner:innen wollten aus Desinteresse oder aus mangelndem Wissen nicht bei der Wahl ihrer Medikationsvergabe mitwirken. Somit ist es schwierig, ihre Meinung mit einzubeziehen und sie aktiv ins Geschehen einzubinden.

Zu viele Risiko-Medikamente

Das Forschungsprojekt der Lausanner Forscher hält fest, dass die Menschen in Heimen im Durchschnitt 7,3 Medikamente pro Tag erhielten. Davon waren rund ein Drittel der Medikamente nicht angemessen. Die gegenwärtige Verschreibungspraxis der Äerzt:innen kann somit verbessert werden. Zu den Risiko-Medikamenten gehörten vor allem die Benzodiapezine, also Beruhigungs- und Schlafmittel, bei denen das Verhältnis zwischen positiver Wirkung und Risiko für ältere Menschen diskussionswürdig ist. Sie müssen sehr langsam in der Dosierung angepasst und, wenn möglich, in kleinsten Schritten abgesetzt (ausgeschlichen) werden. Die Forscher berichteten von einem gelungenen Versuchen bei Patient:innen, deren (mit ihrem Einverständnis) vereinzelt Placebos in die Wochenpackung gegeben wurden und der Placebo-Anteil sukzessive erhöht werden konnte.

Unterstützung vom Pharmakologen

Die Zusammenarbeit zwischen Arzt:innen und Apotheker:innen sei ein wichtiger Qualitätsfaktor Auch wenn auch hier der Zeitfaktor bremst: Apotheker:innen können mit ihrem Fachwissen dazu beitragen, das Verschreibungsverhalten zu verändern. Ärzt:innen müssen dafür sensibilisiert und unterstützt werden. Es ist tatsächlich schwierig, Benzodiapezine nicht mehr zu verschreiben, wenn ein Patient sie bereits jahrelang erhalten habe.

Benchmarks von grosser Bedeutung

Für eine angestrebte Verhaltensänderung der Mediziner:innen brauche es unbedingt Benchmarks, sagen die Wissenschafter:innen. Erst die Vergleichbarkeit (z.B. vorher-nachher) könne zum Erfolg führen. Zuletzt hielten die Forscher auch fest, dass die Arbeit der Apotheker:innen vergütet werden müsse. In manchen Kantonen gibt es bereits Finanzierungsformen für pharmakologische Begleitung (VD, VS, JU). Die Deutschschweiz hingegen hinke da hinterher.

Alle wollen Veränderung, aber nicht bei sich selbst

Der Genfer Prof. Dr. med. Omar Kherad von der Universität Genf lobte im Webinar die Arbeit aus Lausanne. «Wir brauchen solche Plattformen, um unsere medizinische Arbeit hinterfragen zu können“, sagte er mit Blick auf «Projekt Old-NH». «Wir alle kennen die Probleme in der Verschreibungspraxis der Medikamente.» Es werde viel zu viel verschrieben. Die Hindernisse zur Verbesserung sind hoch, doch mit der Integration verschiedener Berufsgruppen könnten hier grosse Verbesserungen gelingen, sagte Kherad. Er präsentierte die Arbeit des Swiss Medical Forum von 2019 im Kanton Genf zu diesem Thema. Rund 700 Ärzte und 250.000 Patient:innen haben daran teilgenommen. Das Ergebnis komme einer «kleinen Kulturrevolution» bei den Akteuren gleich. Man habe zuerst Qualitätsindikatoren und Benchmarks definiert. In einem Audit wollte man dann erfahren, wie Einzelne agieren. Vier Faktoren, so Kherad, stünden im Zentrum einer solchen Transformation: Wissenstransfer, eine reflektierte Praxis, unterstütztes Lernen sowie die Kultur der Interprofessionalität. «Weniger ist mehr», hielt Kherad fest. Er gab sich, wie seine Lausanner Kollegen, optimistisch, dass sich die Lage in den Spitälern und ambulanten Einrichtungen zum Guten verändere, wenn die Akteure ausreichend unterstützt würden.

Tonspur Deutsch: Interdisziplinäre Qualitätszirkel

Tonspur Französisch: Webinaire fmc les cercles de qualité interprofessionnels 

In den Vorträgen erwähnte Publikationen und Links

Informationen und Strategien zur Verschreiungsreduzierung von Benzodiazepinen

Das Schweizer Forum für Integrierte Versorgung (fmc) bedankt sich bei den Expert:innen für ihre wertvollen Beiträge.

Séverine Schusselé Filliettaz

Séverine Schusselé Filliettaz ist ausgebildete Krankenpflegerin und verfügt über einen Master Abschluss in Public Health, sowie einen Doktortitel zum Thema der Integrierten Versorgung in der Schweiz.

Seit etwa zehn Jahren leitet Schusselé Filliettaz in der Westschweiz integrierte Versorgungsprojekte zu verschiedenen Themen, u.a. Interprofessionalität, Versorgungsmanagement, Finanzierung, E-Patienten Dossier.

Sie arbeitet seit 2015 mit dem fmc zusammen u.a. für die Schweizerische Erhebung zur Integrierten Versorgung und für einzelnen fmc Denkstoffe

Ursula Koch

Mein Engagement für die integrierte biopsychosoziale Versorgung zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Lebenslauf. Eine fragmentierte Versorgung wird den ganzheitlichen Bedürfnissen der Menschen und vielfältigen Komponenten von Gesundheit nicht gerecht. Eine wirksame und personenorientierte Versorgung setzt interprofessionelle Zusammenarbeit sowie gut koordiniertes Handeln voraus. Dafür setze ich mich ein!  

Ursula Koch, PhD, FSP Gesundheitspsychologie kennt das Gesundheitssystem aus Praxis, Wissenschaft und Politik.

Sie war in den letzten 15 Jahren in diversen Führungspositionen im Gesundheitswesen tätig, u.a. als Leiterin des Programms Psychische Gesundheit im Kanton Zug, als Abteilungsleiterin «Nicht übertragbare Erkrankungen» beim Bundesamt für Gesundheit sowie als Geschäftsleitungsmitglied bei der Krebsliga Schweiz.

Neben ihrem Master in Psychologie hat sie einen Master in Organisationsentwicklung & Coaching, eine Verbandsmanagement-Ausbildung sowie einen PhD in Versorgungsforschung.

Letztlich hat sie sich auch im Rahmen des «Harkness Fellowship in health care policy and practice» an der Harvard Medical School (USA) intensiv mit dem Gesundheitswesen auseinandergesetzt.

Neben dem fmc engagiert sie sich als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik (SGGP) und als Direktorin des Zentrum Inselhof in Zürich für eine patientenzentrierte Versorgung und die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens.

Susanne Hochuli

Integrierte Versorgung ist zentral, damit der Patient, die Patientin tatsächlich im Zentrum der Gesundheitsversorgung steht.

Susanne Hochuli war während acht Jahren als Regierungsrätin im Kanton Aargau für das Departement Gesundheit und Soziales verantwortlich. In dieser Zeit vertrat sie den Aargau im Vorstand der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK und amtete als Vizepräsidentin des Beschlussorgans Hochspezialisierte Medizin HSM.

Sie ist aktuell als Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation SPO sowie Greenpeace tätig und engagiert sich daneben beim ökosozialen Projekt weltweit-essen.ch.

Urs Hepp

Email: hepp@hin.ch
Linkedin: Urs Hepp

Die Integrierte Versorgung ist die Grundvoraussetzung für ein qualitativ hochstehendes und kosteneffizientes Gesundheits- und Sozialwesen. Polymorbidität und chronische Erkrankungen nehmen zu und da ist das Zusammenspiel aller Beteiligten entscheidend. Die Schnittstellen müssen zu Nahtstellen werden.

Urs Hepp ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. 2017 habilitierte er, seit 2014 ist er Titularprofessur an der Universität Zürich. 2016-2021 war er Ärztlicher Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (ipw), zuvor Chefarzt / Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG).

Seit 2022 ist er selbständig mit der Firma hepp-health GmbH mit den Schwerpunkten Public Mental Health, Integrierte Versorgung, Psyche und Arbeit sowie Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie. Er ist engagiert in Lehre und Forschung.

Er hat das Verwaltungsratspräsidium der WorkMed AG sowie verschiedene Aufsichtsratsmandate inne. Er ist Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie und Psychosomatik (SSCLPP) und Vize-Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter NKVF.

Forschung: Versorgungsforschung, Public Mental Health, Suizidprävention

Lehrtätigkeit: Public Mental Health, Psychosoziale Medizin, Systemische Psychotherapie

Barbara Gysi

Barbara Gysi, Dipl. Sozialpädagogin & MAS Public Management, ist seit 2011 Nationalrätin und Vizepräsidentin der nationalrätlichen Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK-N). Sie hat massgeblich an der Pflegeinitiative mitgewirkt. Sie hat massgeblich an der Pflegeinitiative mitgewirkt.

Nebst Einsitz im St. Galler Kantonsrat war sie während 12 Jahren in der Exekutive der Stadt Wil SG, wo sie u.a. die stationäre und ambulante Langzeitpflege weiterentwickelte und gemeinsam mit anderen Gemeinden unter einem Dach zusammenführen und eine Beratungs- und Drehscheibe installieren konnte (www.thurvita.ch). Bereits als Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin arbeitete sie mit systemischen Ansätzen. Die integrierte Versorgung ist ein wichtiges Element für eine qualitative bessere und erst noch günstigere Versorgung zum Nutzen der Patient:innen.

Caroline Gurtner

Patientinnen und Patienten bringen eine relevante Expertise im Umgang mit ihrer Erkrankung mit und können damit einen wichtigen Beitrag zur Lösungsfindung von Gesundheitsproblemen leisten. Die integrierte Versorgung nutzt diesen Ansatz und setzt sich für eine stärkere Beteiligung von Patientinnen und Patienten in der Gesundheitsversorgung ein.

Caroline Gurtner ist Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin und befindet sich derzeit im Doktoratsstudium an der Universität Maastricht, welches sie voraussichtlich 2024 abschliesst.

Sie bringt langjährige berufliche Erfahrung in der psychiatrischen Versorgung, in der angewandten Forschung und Lehre sowie  im Tätigkeitsbereich einer NGO mit Schwerpunkt Sozialpolitik mit.

Die Schwerpunkte ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit umfassen die Themen Shared Decision Making, Personenzentrierung, User Involvement, Partizipation, Community Building, Suizidprävention sowie Qualitätsentwicklung. Caroline Gurtner absolvierte ihr Masterstudium in Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Universität Basel und verfügt über einen CAS in Research in Applied Sciences der Berner Fachhochschule.

Im Rahmen ihrer selbständigen Tätigkeit engagiert sie sich als Co-Präsidentin der akademischen Fachgesellschaft psychiatrische Pflege, als Stiftungsrätin bei der Schweizerischen EPI Stiftung und übt verschiedene Mandate für Projekte, Lehrveranstaltungen sowie Mitarbeit in Gremien und Kommissionen aus.

Marc Cikes

Marc Cikes ist Mediziner und Absolvent zweier CAS in Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement des IEMS Lausanne.

Er war Leiter eines medizinischen Analyselabors, Mitbegründer des Medizinischen Zentrums in Renens und stellvertretender Geschäftsführer der waadtländischen Niederlassung des Ärztenetzes Delta. 

Er beteiligt sich seit mehreren Jahren an der Leitung von Projekten im ambulanten Sektor in der Westschweiz.

Serge Bignens

Serge Bignens ist Professor und Leiter des Instituts für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule (BFH).

Seine Forschungs- und Lehreaktivitäten umfassen die Bereiche Befähigung von chronischen Patienten, Patient Reported Outcome Measures (PROMs), mobilen Gesundheits-Applikationen und Gesundheits-Datenökosysteme.

Er besitzt ein MSc in Engineering von der EPFL und ein MAS in Gesundheitsökonomie und -management von der Universität Lausanne und war bei IT Dienstleistungsfirmen als Berater und Manager und danach bei einer kantonalen Gesundheitsdirektion als eHealth Verantwortlicher tätig.

Serge Bignens engagiert sich als Vorstandsmitglied von Swiss Cancer Screening und der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik, ist Gründungsmitglied der MIDATA Genossenschaft und des Vereins ch++ und ist digital Health Experte bei Innosuisse und beim Fachgremium des BAG zur Prävention in der Gesundheitsversorgung.

Nadja Blanchard

Leiterin Marketing & Events

Seit ihrem Master im Bereich Gesellschaftswissenschaften war Nadja Blanchard im In- und Ausland in unterschiedlichen Firmen und Organisationen im Bereich Marketing, Events und Kommunikation tätig.

Diese Erfahrung hat sie in den letzten 10 Jahren durch die Beratung von Nonprofit-Organisation in den Bereichen Strategie und Marketing ergänzt.

Durch den Kontakt mit einer Vielzahl von Organisationen und deren aktuellen Herausforderungen in Themen wie Struktur, Personal und Finanzierung entstand ihr Interesse an der Arbeitswelt 4.0., zu der sie sich stetig weiterbildet. 

Oliver Strehle

Geschäftsführer

Oliver Strehle hat in Nürnberg/Deutschland Sozialwissenschaften studiert und ist 2006 in die Schweiz gezogen.

Knapp 13 Jahre war er bei der Ärztenetz Betriebsgesellschaft MedSolution AG in Zürich tätig und hat dort den Geschäftsbereich Vertrags und Leistungsmanagement geleitet. Während dieser Tätigkeit hat Herr Strehle die verschiedenen Bereiche der Ärztenetze von Budgetmitverantwortung, Behandlungsmanagement, Qualitätsmanagement, Versorgungstransparenz und Organisationsentwicklung kennengelernt und weiterentwickelt.

Bis 2020 war Herr Strehle 3 Jahre im Vorstand von medswiss.net, dem Dachverband der Schweizer Ärztenetze aktiv.

Seit 2017 ist er Verwaltungsratsmitglied der mediX bern AG und seit 2020 Inhaber der Beratungsfirma IKUmed.

Annamaria Müller

Präsidentin

Wir haben eins der teuersten, besten und gerechtesten Gesundheitssysteme der Welt. Trotzdem haben wir Mühe, eine durchgehende und zusammenhängende Gesundheitsversorgung anzubieten. Dies zu ändern, ist unser Ziel.

Nach Abschluss ihres VWL-Studiums an der Uni Bern arbeitete Annamaria Müller als freie Mitarbeiterin bei der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), später als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich.

1997 wechselte sie als Bereichsleiterin Gesundheitsökonomie zurück zur GDK und wurde anschliessend stellvertretende Zentralsekretärin.

2002 wurde Frau Müller Generalsekretärin der FMH. Von 2009 bis 2019 arbeitete sie in der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern als Vorsteherin des Spitalamts.

Seit 2020 ist Frau Müller mit ihrer Firma Amidea GmbH – New Health Care Solutions freischaffend tätig. Sie übt verschiedene Aufsichtsratsmandate aus und hat das Verwaltungsratspräsidium des HFR freiburger spital inne.