HomeWas wir machenPublikationenHintergrundgespräche

Interview: „Etwas mehr Pioniergeist würde guttun“

26. Januar 2022

Duy Nguyen, Medical Data Scientific Specialist aus Lausanne, vertrat das fmc im Oktober 2021 auf einer dreitägigen Studienreise für junge Health Professionals in die Niederlande. Der Bundesverband Managed Care BMC aus Deutschland organisierte die Reise. Hier schildert Duy Nguyen seine Eindrücke. Am meisten beeindruckt war er von der Innovationskraft im niederländischen Gesundheitswesen.

Herr Nguyen, was genau machen Sie beruflich?

Ich bin medizinischer Datenspezialist und arbeite für HCI Solutions AG in Bern. HCI Solution entwickelt und pflegt Software für Spitäler und Apotheken. Ich bin aber auch studierter Apotheker und nebenberuflich etwa einen Tag in der Woche in einer Freiburger Apotheke tätig.

Das ist eine ungewöhnliche berufliche Qualifikation

Vielleicht schon. Ich habe dadurch einen guten Einblick ins Gesundheitssystem und mit den Anwendern zu tun. Ich weiss zum Beispiel, was ein Apotheker vor Ort macht und welche IT-Bedürfnisse er in seinem Alltag hat und so kann ich dabei unterstützen, seine IT-Tools entwickeln. Das macht mir viel Freude.

Im Oktober vergangenen Jahres reisten Sie für das fmc nach Amsterdam. Was war das Thema der Studienreise?

Es ging um Innovationen im Gesundheitssystem mit Fokus auf Technologie und integrierte Versorgung in der Langzeitpflege.

Ohne jetzt direkt auf diese Begriffe einzugehen: Was hat Sie allgemein am meisten beeindruckt?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen dem schweizerischen und dem niederländischen System, aber auch viele Unterschiede. Beeindruckt hat mich vor allem die Innovationkraft im niederländischen Gesundheitssystem. Zu nennen ist die innovative Ausbildung. Schon in der Ausbildung hat man in der Niederlande ein viel breiteres Angebot als wir in der Schweiz. Bei uns werden Medizin, Pharmazie und Pflege isoliert gelehrt. In der Niederlande herrscht von Anfang an ein vernetztes Denken. Dort gibt es die interdisziplinäre Zusammenarbeit bereits im Studium. Dadurch können Studierende aus viel mehr Fächerkombinationen auswählen. Das prägt die gesamte Kultur und die Bereitschaft, Gesundheit, Medizin und soziale Aspekte ganzheitlich zu betrachten.

Was fiel Ihnen noch auf?

Auffällig war auch, wie modern die Infrastruktur in allen Bereichen ist. Man arbeitet dort auf sehr fortschrittlichem Niveau. Generell würde ich sagen, die gesamte Kultur des Gesundheitswesens ist in der Niederlande modern und fortschrittlich. Man spürt: Die sind dort schon ein paar Schritte weiter. Gesundheit wird nicht nur klinisch verstanden, sondern schliesst auch das Sozialwesen mit ein.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die niederländische Version der Spitex. Während bei uns lediglich klinische Leistungen wie Pflege und Versorgung abgerechnet werden, vergütet man in der Niederlande auch soziale Aspekte wie ein Gespräch beim Kaffee. Ein anderes Beispiel ist das hierarchische Denken, das wir in der Schweiz immer noch kultivieren. Da stehen die Mediziner über allem anderen. Das ist in der Niederlande anders. Dort begegnen sich zum Beispiel eine Ärztin, ein Pflegefachmann und ein IT-Spezialist auf Augenhöhe.

Haben diese kulturellen Eigenschaften auch Auswirkungen in anderen Bereichen?

Ja, etwa in der Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den Institutionen wie Spitälern oder Pflegeeinrichtungen. Dort gibt es eine offene, enge Kooperation. Zum Beispiel entsenden Firmen ihr Personal an die Spitäler, dass die Fachleute an ihren Geräten ausbildet und ihre Pflegeprozesse optimiert. Das ist gelebte IPZ. Bei uns hingegen erscheint alles viel mehr fragmentiert.

Was wünschen Sie sich für das Schweizer Gesundheitssystem?

In den weichen Bereichen: Es sollte mehr am Menschen und seinen Bedürfnissen orientiert sein. Und nicht wie eine reine Industrie die messbaren Resultate in den Vordergrund stellen. Mehr Qualität als Quantität, weniger technokratisch und mehr Zeit für den Menschen, das würde uns allen guttun.

Und technisch, in den „harten“ Bereichen?

Die Digitalisierung muss vorankommen. Beispiele: das elektronische Patienten Dossier (ePD) als eine Art Dropbox für die Gesundheitsdaten des Patienten, das E-Rezept statt der Zettel. Oder das einfache digitale Buchen von Terminen, anstatt noch umständlich via Telefon in der Praxis anfragen. Die moderne Welt ist heute verlinkt und das Gesundheitswesen muss auch mehr verlinkt werden. Dazu müssen beide Seiten offener werden, das System und die Nutzer.

Welche Eindrücke auf der Metaebene haben Sie in der Niederlande gewonnen?

Ich sage es einmal etwas provokant: Der Status Quo bei uns ist komfortabel. Vielleicht glaubt die reiche, profitorientierte Schweiz, sie müsse sich nicht schnell verändern. Die Menschen hier sind introvertierter als die Niederländer. Dort spürt man Pioniergeist, bei uns nicht. Das macht den Wandel zähflüssiger. Wir sollten beweglicher und dynamischer werden.

Herr Nguyen, wir danke Ihnen für das Interview.

Séverine Schusselé Filliettaz

Séverine Schusselé Filliettaz ist ausgebildete Krankenpflegerin und verfügt über einen Master Abschluss in Public Health, sowie einen Doktortitel zum Thema der Integrierten Versorgung in der Schweiz.

Seit etwa zehn Jahren leitet Schusselé Filliettaz in der Westschweiz integrierte Versorgungsprojekte zu verschiedenen Themen, u.a. Interprofessionalität, Versorgungsmanagement, Finanzierung, E-Patienten Dossier.

Sie arbeitet seit 2015 mit dem fmc zusammen u.a. für die Schweizerische Erhebung zur Integrierten Versorgung und für einzelnen fmc Denkstoffe

Ursula Koch

Mein Engagement für die integrierte biopsychosoziale Versorgung zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Lebenslauf. Eine fragmentierte Versorgung wird den ganzheitlichen Bedürfnissen der Menschen und vielfältigen Komponenten von Gesundheit nicht gerecht. Eine wirksame und personenorientierte Versorgung setzt interprofessionelle Zusammenarbeit sowie gut koordiniertes Handeln voraus. Dafür setze ich mich ein!  

Ursula Koch, PhD, FSP Gesundheitspsychologie kennt das Gesundheitssystem aus Praxis, Wissenschaft und Politik.

Sie war in den letzten 15 Jahren in diversen Führungspositionen im Gesundheitswesen tätig, u.a. als Leiterin des Programms Psychische Gesundheit im Kanton Zug, als Abteilungsleiterin «Nicht übertragbare Erkrankungen» beim Bundesamt für Gesundheit sowie als Geschäftsleitungsmitglied bei der Krebsliga Schweiz.

Neben ihrem Master in Psychologie hat sie einen Master in Organisationsentwicklung & Coaching, eine Verbandsmanagement-Ausbildung sowie einen PhD in Versorgungsforschung.

Letztlich hat sie sich auch im Rahmen des «Harkness Fellowship in health care policy and practice» an der Harvard Medical School (USA) intensiv mit dem Gesundheitswesen auseinandergesetzt.

Neben dem fmc engagiert sie sich als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik (SGGP) und als Direktorin des Zentrum Inselhof in Zürich für eine patientenzentrierte Versorgung und die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens.

Susanne Hochuli

Integrierte Versorgung ist zentral, damit der Patient, die Patientin tatsächlich im Zentrum der Gesundheitsversorgung steht.

Susanne Hochuli war während acht Jahren als Regierungsrätin im Kanton Aargau für das Departement Gesundheit und Soziales verantwortlich. In dieser Zeit vertrat sie den Aargau im Vorstand der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK und amtete als Vizepräsidentin des Beschlussorgans Hochspezialisierte Medizin HSM.

Sie ist aktuell als Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation SPO sowie Greenpeace tätig und engagiert sich daneben beim ökosozialen Projekt weltweit-essen.ch.

Urs Hepp

Email: hepp@hin.ch
Linkedin: Urs Hepp

Die Integrierte Versorgung ist die Grundvoraussetzung für ein qualitativ hochstehendes und kosteneffizientes Gesundheits- und Sozialwesen. Polymorbidität und chronische Erkrankungen nehmen zu und da ist das Zusammenspiel aller Beteiligten entscheidend. Die Schnittstellen müssen zu Nahtstellen werden.

Urs Hepp ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. 2017 habilitierte er, seit 2014 ist er Titularprofessur an der Universität Zürich. 2016-2021 war er Ärztlicher Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (ipw), zuvor Chefarzt / Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG).

Seit 2022 ist er selbständig mit der Firma hepp-health GmbH mit den Schwerpunkten Public Mental Health, Integrierte Versorgung, Psyche und Arbeit sowie Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie. Er ist engagiert in Lehre und Forschung.

Er hat das Verwaltungsratspräsidium der WorkMed AG sowie verschiedene Aufsichtsratsmandate inne. Er ist Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie und Psychosomatik (SSCLPP) und Vize-Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter NKVF.

Forschung: Versorgungsforschung, Public Mental Health, Suizidprävention

Lehrtätigkeit: Public Mental Health, Psychosoziale Medizin, Systemische Psychotherapie

Barbara Gysi

Barbara Gysi, Dipl. Sozialpädagogin & MAS Public Management, ist seit 2011 Nationalrätin und Vizepräsidentin der nationalrätlichen Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK-N). Sie hat massgeblich an der Pflegeinitiative mitgewirkt. Sie hat massgeblich an der Pflegeinitiative mitgewirkt.

Nebst Einsitz im St. Galler Kantonsrat war sie während 12 Jahren in der Exekutive der Stadt Wil SG, wo sie u.a. die stationäre und ambulante Langzeitpflege weiterentwickelte und gemeinsam mit anderen Gemeinden unter einem Dach zusammenführen und eine Beratungs- und Drehscheibe installieren konnte (www.thurvita.ch). Bereits als Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin arbeitete sie mit systemischen Ansätzen. Die integrierte Versorgung ist ein wichtiges Element für eine qualitative bessere und erst noch günstigere Versorgung zum Nutzen der Patient:innen.

Caroline Gurtner

Patientinnen und Patienten bringen eine relevante Expertise im Umgang mit ihrer Erkrankung mit und können damit einen wichtigen Beitrag zur Lösungsfindung von Gesundheitsproblemen leisten. Die integrierte Versorgung nutzt diesen Ansatz und setzt sich für eine stärkere Beteiligung von Patientinnen und Patienten in der Gesundheitsversorgung ein.

Caroline Gurtner ist Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin und befindet sich derzeit im Doktoratsstudium an der Universität Maastricht, welches sie voraussichtlich 2024 abschliesst.

Sie bringt langjährige berufliche Erfahrung in der psychiatrischen Versorgung, in der angewandten Forschung und Lehre sowie  im Tätigkeitsbereich einer NGO mit Schwerpunkt Sozialpolitik mit.

Die Schwerpunkte ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit umfassen die Themen Shared Decision Making, Personenzentrierung, User Involvement, Partizipation, Community Building, Suizidprävention sowie Qualitätsentwicklung. Caroline Gurtner absolvierte ihr Masterstudium in Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Universität Basel und verfügt über einen CAS in Research in Applied Sciences der Berner Fachhochschule.

Im Rahmen ihrer selbständigen Tätigkeit engagiert sie sich als Co-Präsidentin der akademischen Fachgesellschaft psychiatrische Pflege, als Stiftungsrätin bei der Schweizerischen EPI Stiftung und übt verschiedene Mandate für Projekte, Lehrveranstaltungen sowie Mitarbeit in Gremien und Kommissionen aus.

Marc Cikes

Marc Cikes ist Mediziner und Absolvent zweier CAS in Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement des IEMS Lausanne.

Er war Leiter eines medizinischen Analyselabors, Mitbegründer des Medizinischen Zentrums in Renens und stellvertretender Geschäftsführer der waadtländischen Niederlassung des Ärztenetzes Delta. 

Er beteiligt sich seit mehreren Jahren an der Leitung von Projekten im ambulanten Sektor in der Westschweiz.

Serge Bignens

Serge Bignens ist Professor und Leiter des Instituts für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule (BFH).

Seine Forschungs- und Lehreaktivitäten umfassen die Bereiche Befähigung von chronischen Patienten, Patient Reported Outcome Measures (PROMs), mobilen Gesundheits-Applikationen und Gesundheits-Datenökosysteme.

Er besitzt ein MSc in Engineering von der EPFL und ein MAS in Gesundheitsökonomie und -management von der Universität Lausanne und war bei IT Dienstleistungsfirmen als Berater und Manager und danach bei einer kantonalen Gesundheitsdirektion als eHealth Verantwortlicher tätig.

Serge Bignens engagiert sich als Vorstandsmitglied von Swiss Cancer Screening und der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik, ist Gründungsmitglied der MIDATA Genossenschaft und des Vereins ch++ und ist digital Health Experte bei Innosuisse und beim Fachgremium des BAG zur Prävention in der Gesundheitsversorgung.

Nadja Blanchard

Leiterin Marketing & Events

Seit ihrem Master im Bereich Gesellschaftswissenschaften war Nadja Blanchard im In- und Ausland in unterschiedlichen Firmen und Organisationen im Bereich Marketing, Events und Kommunikation tätig.

Diese Erfahrung hat sie in den letzten 10 Jahren durch die Beratung von Nonprofit-Organisation in den Bereichen Strategie und Marketing ergänzt.

Durch den Kontakt mit einer Vielzahl von Organisationen und deren aktuellen Herausforderungen in Themen wie Struktur, Personal und Finanzierung entstand ihr Interesse an der Arbeitswelt 4.0., zu der sie sich stetig weiterbildet. 

Oliver Strehle

Geschäftsführer

Oliver Strehle hat in Nürnberg/Deutschland Sozialwissenschaften studiert und ist 2006 in die Schweiz gezogen.

Knapp 13 Jahre war er bei der Ärztenetz Betriebsgesellschaft MedSolution AG in Zürich tätig und hat dort den Geschäftsbereich Vertrags und Leistungsmanagement geleitet. Während dieser Tätigkeit hat Herr Strehle die verschiedenen Bereiche der Ärztenetze von Budgetmitverantwortung, Behandlungsmanagement, Qualitätsmanagement, Versorgungstransparenz und Organisationsentwicklung kennengelernt und weiterentwickelt.

Bis 2020 war Herr Strehle 3 Jahre im Vorstand von medswiss.net, dem Dachverband der Schweizer Ärztenetze aktiv.

Seit 2017 ist er Verwaltungsratsmitglied der mediX bern AG und seit 2020 Inhaber der Beratungsfirma IKUmed.

Annamaria Müller

Präsidentin

Wir haben eins der teuersten, besten und gerechtesten Gesundheitssysteme der Welt. Trotzdem haben wir Mühe, eine durchgehende und zusammenhängende Gesundheitsversorgung anzubieten. Dies zu ändern, ist unser Ziel.

Nach Abschluss ihres VWL-Studiums an der Uni Bern arbeitete Annamaria Müller als freie Mitarbeiterin bei der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), später als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich.

1997 wechselte sie als Bereichsleiterin Gesundheitsökonomie zurück zur GDK und wurde anschliessend stellvertretende Zentralsekretärin.

2002 wurde Frau Müller Generalsekretärin der FMH. Von 2009 bis 2019 arbeitete sie in der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern als Vorsteherin des Spitalamts.

Seit 2020 ist Frau Müller mit ihrer Firma Amidea GmbH – New Health Care Solutions freischaffend tätig. Sie übt verschiedene Aufsichtsratsmandate aus und hat das Verwaltungsratspräsidium des HFR freiburger spital inne.