Die Studie von Farcher et al. untersucht erstmals auf nationaler Ebene die Verbreitung potenziell inadäquater Medikamente (Potentially Inappropriate Medications, PIM) bei Menschen ab 65 Jahren in der Schweiz sowie deren Auswirkungen auf Spitaleintritte und Gesundheitskosten. Grundlage der Analyse bildeten Routinedaten einer grossen Schweizer Krankenversicherung. Die Bewertung der Medikamente erfolgte anhand etablierter internationaler Kriterien (Beers-Kriterien und PRISCUS-Liste).
Die Ergebnisse zeigen, dass im Jahr 2022 rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung ab 65 Jahren mindestens ein potenziell ungeeignetes Medikament verschrieben erhielt. Besonders kritisch ist die Zeit unmittelbar nach der Verordnung: Das Risiko einer Hospitalisation war in den ersten 15 Tagen nach einer PIM-Verschreibung fast dreimal höher als bei vergleichbaren Personen ohne solche Medikamente. Zwar nahm dieses Risiko im weiteren Verlauf ab, blieb aber auch nach einem Jahr noch deutlich erhöht. Zudem verursachten Personen mit einer PIM-Verschreibung durchschnittlich rund 3’200 Franken höhere Gesundheitskosten pro Jahr als Personen ohne entsprechende Medikation. Die Studie weisst zudem darauf hin, dass sich ein grosser Teil der potenziell inadäquaten Verschreibungen auf wenige Medikamentengruppen konzentriert, darunter Schmerzmittel (insbesondere NSAR), Protonenpumpenhemmer, Benzodiazepine und benzodiazepinähnliche Schlafmittel sowie bestimmte Psychopharmaka. Dies eröffnet konkrete Ansatzpunkte für strukturierte Medikationsreviews und andere Massnahmen zur Verbesserung der Medikationssicherheit.
Die Autorinnen und Autoren sehen die Ursachen unter anderem in der zunehmenden Multimorbidität älterer Menschen, der Komplexität von Therapieempfehlungen sowie in Herausforderungen bei der Koordination verschiedener Behandlungen. Die Studie verdeutlicht, dass Medikationssicherheit eine zentrale Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Versorgung älterer Menschen ist. Sie unterstreicht die Bedeutung systematischer Medikamentenüberprüfungen und einer engen Zusammenarbeit zwischen Hausärzt:innen, Spezialist:innen, Apotheken, Spitälern und weiteren Gesundheitsfachpersonen.