Integrierte Versorgung ist heute viel positiver besetzt

Vor zwei Jahren gab das fmc den Anstoss für die erste nationale Erhebung zur Integrierten Versorgung. Ende April veröffentlichte das Schweizerische Gesundheitsobservatorium die Ergebnisse, die zusammen mit dem Institut universitaire de médecine sociale et préventive in Lausanne erarbeitet wurden. Peter Berchtold, Präsident des fmc, zeigt sich zufrieden: «Wir können viel daraus lernen.»

Peter Berchtold, welches ist für Sie das erfreulichste Ergebnis der ersten Erhebung zur Integrierten Versorgung in der Schweiz?

Das Wichtigste und Erfreulichste war das ausgesprochen hohe Interesse an der Erhebung. Das zeigt sich zum Beispiel an der schon fast unglaublichen Rücklaufquote:  94 Prozent der Teilnehmenden stellten ihre Angaben zur Verfügung. Wir hatten uns ja für ein Selektionsverfahren entschieden, das heisst, die Teilnehmenden wurden aufgrund festgelegter Kriterien ausgewählt und zur Teilnahme eingeladen. Üblich in solchen Fällen ist, dass nur ein Teil dann auch mitmacht. Wir hatten das umgekehrte Problem: Einige waren verärgert, weil sie die Kriterien nicht erfüllten und ausgeschlossen waren.  Ein solches Engagement von so unterschiedlichen Institutionen aus so vielen Versorgungsbereichen lässt in der Tat aufhorchen. Offenbar ist Integrierte Versorgung in der Schweiz heute sehr viel positiver besetzt als noch vor wenigen Jahren.

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht oder am wenigsten erwartet?

Am meisten überrascht haben mich die unterschiedlichen Entwicklungen in den deutsch- und französischsprachigen Regionen, zum Beispiel die starke Präsenz von krankheitsspezifischen Modellen in der Westschweiz, anderseits das Übergewicht an Ärztenetzen in der Deutschschweiz. Ebenso überrascht hat mich das Ergebnis, dass Integrationsprojekte in der Romandie heute zahlreicher sind – in absoluten Zahlen und noch ausgeprägter im Verhältnis zur Bevölkerung – als in der deutschen Schweiz. Diese Entwicklung haben wir im fmc schon seit einiger Zeit vermutet und werden uns weiterhin in diesen Landesteilen engagieren.

Das heutige Finanzierungs- und Vergütungssystem wird in der Befragung als grosses Hindernis für mehr Integration gesehen. In welche Richtung müssen sich  Finanzierung und Vergütung entwickeln, um die Integrierte Versorgung zu begünstigen?

Da gibt es nur eine Antwort: Integrierte Versorgung geht eigentlich nur mit integrierter Vergütung. Das heisst, die Vergütung muss auf ein integrales Ziel des ganzen Behandlungs- und Betreuungspfades ausgerichtet sein: auf dessen Performance und den Nutzen für die Patienten. Die nächste Ausgabe unserer Schriftenreihe fmc-Denkstoff ist genau diesem Thema gewidmet: Performance-orientierte Vergütungsmodelle 2025. Die Publikation erscheint rechtzeitig zum fmc-Symposium 2017 am 14. Juni in Bern.

In der Westschweiz beteiligen sich die Kantone finanziell viel stärker an Initiativen der Integrierten Versorgung als in der Deutschschweiz. Kommt Integrierte Versorgung mit staatlicher Unterstützung rascher voran als mit privaten Mitteln oder mit Prämiengeldern? 

Das kann durchaus ein Grund sein. Es würde aber viel zu kurz greifen, die Unterschiede zwischen der französisch- und deutschsprachigen Schweiz nur mit grösserem finanziellem Engagement der Westschweizer Kantone erklären zu wollen. Viel eher haben wir es hier mit kulturellen, sozialen und politischen Unterschieden bei Versorgungsfragen zu tun. Und auch damit, dass nicht alle Patientengruppen oder Regionen dieselben Bedürfnisse und Anforderungen haben, sondern Unterschiede weit häufiger sind als üblicherweise angenommen.  Unser Vorstandsmitglied Marc Cikes hat dazu in der letzten Ausgabe der fmc-Impulseganz richtig bemerkt, dass das Regionale häufig unterschätzt wird und stattdessen abstrakte Konzepte versucht werden.

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich nun aus der Erhebung ableiten?

Im Vordergrund steht eine grundsätzliche Empfehlung an die Akteure: die beschriebene Vielfalt stärker in den Blick nehmen, sie nicht als Hindernis betrachten, sondern als Ausdruck von unterschiedlichen Bedürfnissen. Unser föderalistisches System gilt vielerorts – besonders wenn der Blick aufs Betriebswirtschaftliche eingeengt ist – als wesentliche Ursache für die Fragmentierung der Gesundheitsversorgung. Dabei wird übersehen, dass gerade das Föderale differenzierte Antworten begünstigen kann, sei es auf spezifisch regionale Versorgungsbedürfnisse oder auf politische Haltungen einer Bevölkerungsmehrheit.

Interview: Urs Zanoni