Einsam teurer sterben oder gemeinsam günstiger lernen?

Dr. David Bosshart, Trendforscher und CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts GDI, eröffnet das fmc-Symposium 2018 am 13. Juni im Kursaal Bern. Er fordert hohe Wandlungsbereitschaft im Gesundheitswesen und setzt auf den Datenreichtum als Grundlage für «Schwarmlernen in Echtzeit». Und er sieht Pflegeroboter als Segen – selbst bei der Sterbebegleitung.

Herr Bosshart, in Ihrem Buch «Age of less» plädieren Sie für mehr Genügsamkeit. Wer sollte im Gesundheits- bzw. Krankheitsbereich genügsamer sein?

David Bosshart: Letztlich geht es um die Gewinnung oder Wiedergewinnung der Selbständigkeit und der Eigenverantwortung des Individuums. Die Kehrseite der heute immer weiterlaufenden Professionalisierung und Spezialisierung ist der schleichende Verlust des gesunden Menschenverstandes und der Urteilskraft. Im fast schon absurd hohen Wohlstand der Schweiz definieren wir gerne immer mehr als «krank». Geld macht man mit den Kranken, für Prävention gibt es zu wenig Anreize. Die erste Frage sollte nicht sein, wie wir Demenzkranke immer besser betreuen können. Sondern was wir tun müssen, damit wir künftig gar nicht in diese Situation kommen. Man muss also die heutige Logik brechen, gemäss der man in der wuchernden Bürogamie mit zunehmendem Alter automatisch von Experte zu Experte eilt. Nachhaltig ist das sicher nicht: Wir optimieren Optimiertes und managen damit die teuren Nebenfolgen unserer Aktivitäten, statt die Ursachen anzugehen.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie erstaunt oder überrascht im schweizerischen Gesundheitswesen?

Nein, gar nichts – alles geht seinen typisch schweizerischen Lauf: Sehr hohe Qualitätsansprüche, fast alles funktioniert im Vergleich mit anderen Ländern noch ziemlich gut. Das ist nicht befriedigend, aber für viele immer noch ok. Man schimpft und verurteilt willkürlich oder aus Eigeninteresse Teilaspekte des Systems, tut aber nichts. Dazu kommt eine komplizierte Verschachtelung der Zuständigkeiten. Die Kehrseite unserer demokratischen Strukturen, die grundsätzlich hervorragend sind, liegt darin, dass niemand wirklich für irgendetwas verantwortlich ist. Die entscheidende Frage lautet: Wie ambitioniert sind wir für Veränderungen? Langsam und gut und immer teuer genügt nicht mehr als Legitimationsgrundlage, wenn schneller und besser und günstiger als Option am Horizont erscheint.

Sie nehmen Einblick in ganz unterschiedliche Lebenswelten und Branchen: Was könnte man im Gesundheitswesen von anderen Dienstleistungs- oder Industriebereichen lernen?

Ganz klar: Wir müssen herausfinden, welches System am schnellsten lernt, die heutigen Möglichkeiten zum Wohle des Menschen einzusetzen – gerade wenn man weiss, dass chronische Krankheiten im Alter zunehmen. Wo immer Sie hinschauen, entdecken Sie kluge Effizienzsteigerungsmöglichkeiten. Das geht meines Erachtens nur über das Teilen der exponentiell wachsenden verfügbaren Daten und über deren intelligente Weiterentwicklung. Künstliche Intelligenz bietet neue Möglichkeiten, ebenso Blockchain, Cloud und Mobilität. Je qualitativ besser die verfügbaren Daten, desto selbstevidenter die Lösungen. Das braucht keine grossen zentralistischen Systeme. Auch für den Dienstleistungsbereich gilt, selbst wenn man die Baumolsche Kostenkrankheit berücksichtigt: Die Lernfähigsten gewinnen, die übrigen werden in steigenden Kosten und fehlenden Lernerfahrungen steckenbleiben.

Wer in der alten Silo-Mentalität verharrt, seine Daten wie im Banksafe unter Verschluss halten will und noch so gerne Sicherheitsfragen in den Vordergrund stellt, um keine Änderungen vornehmen zu müssen, schadet der Allgemeinheit. Weil Wandel heute mehr denn je einen Schritt-für-Schritt-Prozess mit immer besseren Daten bedeutet. Wenn immer mehr von hohem Wandlungsbedarf gesprochen wird, brauchen wir auch hohe Wandlungsbereitschaft. Denn die Wandlungsfähigkeit halte ich für relativ gut. Wenn Sie so wollen: Einsam teurer sterben oder gemeinsam günstiger lernen, das sind die Alternativen.

Wie würden Sie – vor diesem Hintergrund –  50 Millionen Franken im schweizerischen Gesundheitswesen investieren?

In Datenreichtum. Stellen Sie sich das Gesundheitswesen so vor, als seien da Teslas unterwegs und nicht alte Industrieautos. Statt dass jedes Auto allein neue Gelände erkundet und seine Erfahrungen für sich im eigenen Silo behält, teilt es die gesammelten Lernerfahrungen mit allen anderen Fahrzeugen. Jedes Software-Update integriert so die Lernerfahrungen aller anderen Teslas. Das macht im Resultat bei jedem Update jeden Tesla sicherer. Das moderne Auto ist im Unterschied zum alten Auto kein Hardware-Produkt mehr mit Fokus auf Motor, sondern eine Sammlung von Daten aus immer intelligenteren Sensoren. Dadurch gewinnt der Fahrer an Vertrauen. In der Medizin sind die technischen Geräte – etwa OP-Instrumente – schon hightech und leicht zu vernetzen. Lesen, teilen, weiterentwickeln. Schwarmlernen in Echtzeit mit neuen frischen Daten bringt uns weiter.

In einem Interview sagten Sie: «Die markanteste Eigenschaft der digitalen Welt besteht in den Netzwerkeffekten und der Skalierbarkeit.» Wie lässt sich das aufs Gesundheitswesen übertragen?

Nehmen Sie Krebskrankheiten. Gemäss den jüngsten Statistiken des Krebsdatenzentrums Chinas erkranken in China jährlich weit über 3 Millionen Menschen neu an Krebs. Aber das Land ist extrem ambitioniert, rasch Fortschritte in der Entwicklung neuer Diagnoseinstrumente und Therapien zu machen, und es will beweisen, wie gut es ist. Ein Land mit 1.4 Milliarden Menschen hat grosse Datenmengen verfügbar – natürlich auch dank des Fehlens europäischer Privacy Standards. Die Chinesen sind aber in erster Linie pragmatisch und lösungsorientiert. Das ist ein künftiger Wettbewerbs-Vorteil. Wenn wir den Biotech-Sektor anschauen, so hat China mental und intellektuell atemberaubend schnell aufgeholt und ist dabei, den Westen einzuholen: Nicht nur bei der künstlichen Intelligenz, auch bei den klinischen Studien hat das Land zu den USA aufgeschlossen, zum Beispiel in der Forschung mit Car-T-Zellen. Kumuliert man die Entwicklungen, dann ist Europa schon weit abgeschlagen.

Wenn Sie 50 Millionen Franken in den Datenreichtum investieren würden: Wer sollte dann die Hoheit über Ihre persönlichen Gesundheits- beziehungsweise Krankheitsdaten haben: Sie? Eine Patientengenossenschaft, welche die Daten für Sie vermarktet? Das Bundesamt für Statistik als Vertreter des Staats? Die Gesundheitsindustrie?  

Auch das sehe ich pragmatisch. Der Wert der Demokratie bemisst sich gerade in einer komplexen Gesellschaft daran, Herausforderungen zu lösen und nicht nur zu verwalten. Vermutlich ist das bei uns, zumindest in der Pionierphase, eher der Staat als eine Firma. Es kann theoretisch auch eine Genossenschaft sein, die nach klaren Kriterien und Kontrollmechanismen funktioniert. Es braucht dabei Experten, die in der Lage sind, komplexe Sachverhalte besser zu vermitteln und die Menschen mitzunehmen. Aber es ist ein gemeinsamer Lernprozess, und wir müssen uns Schritt für Schritt weiterentwickeln und anpassen, weil mit besseren Daten auch immer neue Erkenntnisse auftauchen. Wer glaubt, fertige Antworten zu haben in einem kontinuierlich sich wandelnden Umfeld, wird nicht weit kommen.

Können Sie sich vorstellen, von einem Roboter in den Tod begleitet zu werden?

Roboter und intelligente Automatisierung sind ein Segen. Erst der Roboter macht uns bewusst, was menschlich ist. Ohne Roboter wüssten wir gar nicht mehr, was der Unterschied von Mensch und Maschine ist. Nur wenn wir lernen, die exponentielle Maschinen-Produktivität zu nützen, also zu verstehen, wie Mensch-Maschine, Mensch-Mensch und Maschine-Maschine ihre Zusammenarbeit verbessern können, lernen wir mehr über die menschlichen Bedürfnisse. Das entlastet auch das Pflegepersonal und erlaubt einen Fokus auf wirklich wichtige Dinge. Peinliche Verrichtungen oder Routine-Arbeiten kann man getrost der Maschine überlassen. Die mediale Angstmacherei bezüglich Unmenschlichkeit oder Arbeitsplatzverlust halte ich für verantwortungslos und ignorant. Selbstverständlich will ich emotional von meinen mir nahestehenden Menschen in den Tod begleitet werden – wenn es die noch gibt. Denn die Zahl der Menschen ohne Verwandte und Bekannte nimmt in reichen Ländern kontinuierlich zu.

Interview: Urs Zanoni

David Bosshart ist promovierter Philosoph, Autor zahlreicher internationaler Publikationen und weltweit tätiger Referent. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Zukunft des Konsums, der gesellschaftliche Wandel, Digitalisierung (Mensch-Maschine), Management und Kultur, Globalisierung und politische Philosophie.