«Innovationen waren in den letzten Jahren dünn gesät»

fmc-Interview 1/2017, 15. März 2017

Herr Luchsinger, die Zukunft der Medizin ist weiblich. Weshalb wählte mfe einen Mann zum neuen Präsidenten?

mfe ist eben schon weiter, wir halten uns nicht mit Gender-Fragen auf. Bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle, entscheidend sind die Fähigkeiten. Ausserdem vertrete ich mfe nicht alleine. Ich bin in ein gut funktionierendes Team eingebettet, in dem Frauen und Männer hervorragende Arbeit leisten.

Machen Hausärztinnen eine andere Medizin als Hausärzte?

Ja und nein: Hausärztinnen sind meist vorsichtiger, umsichtiger. Dafür fallen ihnen Entscheidungen schwerer, haben sie mehr Mühe mit Unsicherheiten, häufig bedingt durch ein weniger ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Wo kein Unterschied besteht: Bei allen ist immer der Patient im Zentrum.

Die Zukunft der Medizin ist einerseits weiblich, anderseits chronisch: Chronisch kranke Menschen verlangen nach einem ganzen Behandlungs- und Betreuungsteam – das bedeutet Interprofessionalität. Wie gross ist die Bereitschaft der Ärzte, ihre Arbeit mit Apothekern, Pflegefachpersonen, Physiotherapeutinnen und anderen Professionen zu teilen?

Sehr gross: Hausärzte haben die unangenehme Eigenschaft, nicht nur für sich selber zu denken, sondern das ganze System einzubeziehen. Dies hat mit unserer Arbeit zu tun, in der wir den Patienten in seiner ganzen Person, mit seiner Familie, seiner sozialen Umgebung erfassen und nicht auf eine Krankheit, ein Problem fokussieren. Die Hausärzteschaft hat schon früh realisiert, dass die Zukunft in der Interprofessionalität liegt.

Was wurde mit dieser Erkenntnis gemacht?

Wir haben die Plattform www.interprofessionalitaet.ch gegründet. Daran sind alle Berufsgruppen beteiligt, die Patienten im ambulanten Setting betreuen. Und diesen März führen wir in Solothurn den ersten Teaching-Kurs in Interprofessionalität durch. Dazu holen wir weltweit anerkanntes Knowhow von der Universität Toronto in die Schweiz – ein klares Bekenntnis, im Team arbeiten zu wollen!

Gemäss Nationalrat Ignazio Cassis werden in zehn Jahren 20 Prozent der Leistungen, die heute Ärzte erbringen, von anderen Fachpersonen ausgeführt. Eine realistische Einschätzung?

Ich hoffe, es genügt, wenn «nur» 20 Prozent von anderen übernommen werden, um dannzumal die ganze Bevölkerung ausreichend zu versorgen! In gewissen technischen Disziplinen können Untersuchungen wie Darmspiegelungen von speziell ausgebildeten Pflegefachpersonen durchgeführt werden, nur: Woher nehmen wir die? Das gleiche Thema bei der Betreuung von multimorbiden Chronischkranken: die Pflege, die Apotheker, die Praxisassistentinnen können uns entlasten, aber von ihnen hat es auch zu wenige. Wir werden uns wahnsinnig strecken müssen, um gemeinsam die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen zu können.

Das fmc hat zusammen mit dem Obsan und der Universität Lausanne eine Erhebung der Integrierten Versorgung in der Schweiz gemacht. Von 155 Projekten, die selektioniert und evaluiert wurden, stammen nur 9 aus Ärztenetzen. Offenbar verstehen sich diese immer noch als Ärztenetze (horizontale Integration) und nicht als Versorgungsnetze (vertikale Integration).

Haben Sie schon mal ein Spital gesehen, das sich in irgendeine Kooperation einlässt, ohne den absoluten Lead zu haben? Damit ist die Frage eigentlich schon beantwortet: Wenn Ärztenetze mit ihren Ansprüchen bezüglich Austausch, Information, Zusammenarbeit an Spitäler gelangen, hört man immer das Gleiche: Das geht so nicht, in unseren Strukturen ist das nicht möglich, wir können keine Zugeständnisse machen. Entsprechend konnten für Projekte oder integrative Zusammenarbeit nie Spitäler gewonnen werden. Die Projekte über zwei Versorgungsebenen werden direkt von Spitälern initiiert; sie decken den stationären und den ambulanten Teil selber ab und berücksichtigen keine Hausarztpraxen: Ist das integrativer?

Gerade bei chronisch kranken Menschen müssten aber die Ärztenetze im Lead sein, da die Patienten nur bei «Entgleisungen» im Spital sind. Hier sind doch Spitäler auf Hausarztpraxen beziehungsweise Netze angewiesen, um die Weiterbetreuung sicherzustellen!?

Da sind zwei Ebenen beteiligt: Die eine Ebene ist die unmittelbare Betreuung des Patienten, die von der Hausärztin wahrgenommen wird – sie ist direkte Ansprechpartnerin, im Prinzip auch für die Spitäler. Nur braucht es noch viel Arbeit, bis diese Nahtstellen richtig gut funktionieren. Hier kommt die zweite Ebene ins Spiel: Die Netzwerke können Grundlagen und Möglichkeiten erarbeiten, beispielsweise Zusammenarbeitsverträge, damit die Weiterbetreuung vereinfacht und verbessert wird. Auf beiden Ebenen ist das Bewusstsein der Spitäler, auf die Hausärztin angewiesen zu sein, noch nicht richtig entwickelt.

Ärztenetze waren einst die Treiber der Integrierten Versorgung. Heute sind andere am Ball: Spitäler übernehmen Pflegeheime und Arztpraxen, die Migros integriert Gesundheitsförderung, Prävention, Sportmedizin und Arztpraxen. Was machen Ärztenetze, um für die Zukunft fit zu sein?

Die Frage ist, mit welchem Ziel man Integrierte Versorgung betreiben will: Geht es um die optimierte Zusammenarbeit zum Wohl des Patienten, wie das für Ärztenetze eine Selbstverständlichkeit ist? Oder stehen ökonomische Überlegungen im Vordergrund? Baue ich ein Netz, um mein Spital mit möglichst vielen Zuweisungen am Leben erhalten zu können – und ich spreche nicht einmal von «rentieren»? Oder integriere ich Praxen in einen Grosskonzern, der die Kette Food-Nonfood-Fitness-Leisure-Apotheke ergänzen will? Die gute Botschaft an unsere jungen Kolleginnen und Kollegen: Offenbar ist eine Hausarztpraxis eine lohnende Investition, also investiert! (Selbst-)Kritisch muss ich gestehen: Innovationen waren in den letzten Jahren dünn gesät. Und eine Bereinigung der Netzlandschaft dürfte in den nächsten Jahren passieren, damit Neues entstehen kann.

Innovativ wäre doch, wenn niedergelassene Ärzte stärker auf eHealth und das elektronische Patientendossier setzen würden, zum Beispiel für die Betreuung von chronisch kranken Menschen mit Mehrfachmedikation.

Noch besteht viel Unsicherheit in der Umsetzung. Wir von mfe begleiten und beobachten die Entwicklungen in Sachen eHealth seit Jahren mit unserer Kommission, in der IT-affine Mitglieder mit hohem Sachverstand jene Punkte einbringen, die für unsere tägliche Praxis bedeutsam sind. Doch die schönen Vorstellungen von Politik, IT-Grossfirmen und Verwaltung sind derzeit nicht umsetzbar. Wir stehen bereit, wenn der elektronische Austausch uns und damit den Patientinnen und Patienten wirklich etwas nützt. Der Hausärzteschaft dürfen aber keine Massnahmen vorgeschrieben werden, die viel Arbeit und keinen Nutzen bringen – wir haben schlicht keine Ressourcen dafür.

Die Ärzteschaft hat letztes Jahr die Revision des Tarmed abgelehnt. Jetzt wird der Bundesrat den Tarif diktieren. Zum Wohle der Hausärzte?

Der Auftrag der Eidgenössischen Finanzkontrolle ist klar: Der Tarif muss einfacher und die Grundversorger müssen bessergestellt werden. Beide Punkte wurden in der ersten Revision nicht erfüllt, die Ablehnung ist also nicht überraschend. Ebenso klar ist unserer Haltung, dass der Tarif von jenen entwickelt werden muss, die das Know-how haben. mfe steht hinter dem neuen Revisionsprojekt TARCO, ist im «Cockpit» dabei, beteiligt sich an den Dignitätsdiskussionen. Im Übrigen: Auch die Versicherer haben die Revision abgelehnt. Warum wird das immer ausgeblendet?

Trotzdem: Wird das Tarif-Diktat des Bundesrats zum Wohle der Haus- und Kinderärzte sein?

Der Bundesrat kann den Tarif nicht «diktieren». Er ist vom Gesetz her nur befugt, Anpassungen an einem bestehenden Tarif vorzunehmen. Der Bundesrat hat ja schon letztes Jahr verlauten lassen, welche Teile er als übertarifiert einschätzt, zum Beispiel die Radiologie oder die Augenheilkunde – dort sind Korrekturen zu erwarten. In den allgemeinen Teilen erwarte ich keine Veränderungen. Und weil wir vor allem diese Positionen benützen, dürfte sich für uns nichts ändern.

 

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Interview

Das Interview führte Urs Zanoni, MPH