KISS Zeitvorsorge: Nachbarschaftshilfe für alle

Martin Villiger, Vorstand KISS Aargau; Paul Villiger, KISS Genossenschaft Oberfreiamt


Der wachsende Anteil der Rentnerinnen und Rentner an der Gesamtbevölkerung und die Beinahe-Verdoppelung von hochaltrigen Menschen in den nächsten 30 Jahren verlangt nach neuen Versorgungs- und Unterstützungsmodellen.


Martin Villiger, Paul Villiger (v.l.n.r.)

Diese demografische Entwicklung führt zu einem deutlich erhöhten Bedarf an betreuerischen und pflegerischen Leistungen. Die Stärkung und der Ausbau von zivilgesellschaftlichem Engagement sind notwendig, um die Regelversorgung und das innerfamiliäre Hilfesystem zu entlasten.

KISS Genossenschaften – KISS steht für Keep it Small and Simple – ergänzen die Regelversorgung und bieten ein Dach für Organisationen, die mit freiwilliger Arbeit ältere und jüngere Mitmenschen bei Bedarf unterstützen: 

  • Ältere Menschen sollen möglichst lange eigenständig in ihrem gewohnten Umfeld leben können und sozial integriert sein.
  • Freiwillige Arbeit soll mit Zeitgutschrift anerkannt werden – auch innerhalb bestehender Organisationen.
  • Der verstärkte Zusammenhalt zwischen Generationen und der gegenseitige Austausch erhöhen die Lebensqualität – für alle Beteiligten.
  • Die Kosten für jeden Einzelnen und den Staat werden durch Entlastung von kostenpflichtigen Leistungen sowie einem späteren oder gar keinem Heimeintritt verringert.

Die meisten Menschen wollen auch im Alter in ihrem vertrauten Umfeld leben. Der Einsatz von freiwilligen Helferinnen und Helfern ermöglicht ihnen soziale Kontakte und verbessert das Lebensgefühl und die Gesundheit. Dazu braucht es aber bezahlbare Wohnungen und neue Wohnformen, vor allem für die jenen Drittel der Rentnerinnen und Rentner, die von der AHV leben müssen. Hier sind auch die Gemeinden gefordert, die – je nach Kanton – beträchtliche Mittel für die Langzeitbetreuung ihrer Bevölkerung ausgeben müssen. Deshalb bringen sich viele Kommunen mehr und mehr in die Versorgungsplanung ein.

KISS im ganzen Kanton Aargau?

Im Dezember 2016 wurde der Förderverein KISS Aargau gegründet. Dessen Ziel ist es, den Aufbau und Betrieb von KISS Genossenschaften als vierte, allerdings geldfreie(!) Vorsorgesäule im ganzen Kanton mitzuorganisieren und zu unterstützen. Der Verein vermittelt Kontakte und stellt ein Konzept für den Aufbau von lokalen Genossenschaften zur Verfügung.

Wäre der Aargau gänzlich mit KISS Genossenschaften abgedeckt und würden alle Bewohner der Pflegestufen 1-3 nicht in einer Institution wohnen, wären gemäss unserem Datenmodell die jährlichen Kosteneinsparungen ein Vielfaches höher als der Aufwand für den Aufbau aller Genossenschaften zusammen. Davon würden die betroffenen Menschen ebenso profitieren wie die Kostenträger.

Wichtig dabei: KISS Genossenschaften sind keine Konkurrenz zu den etablierten Organisationen der Langzeitpflege wie die Spitex (siehe Abbildung 1). Die Genossenschaften sollen aber in die lokale oder regionale Versorgungsstruktur integriert werden. Dafür braucht es den regelmässigen und offenen Austausch mit den etablierten Leistungserbringern, vor allem aber mit der Bevölkerung als potenzielle Anbieter und Bezüger von freiwilligen Leistungen.

Abbildung 1: Abgrenzung der Freiwilligenarbeit zur Regelversorgung

KISS Oberfreiamt ist bereits aktiv

In den Gemeinden Sins, Oberrüti, Abtwil, Auw, Mühlau und Dietwil hat die KISS Genossenschaft Oberfreiamt nach wenigen Monaten bereits 105 Mitglieder. Die Geschäftsstelle ist im Zentrum Aettenbühl in Sins eingerichtet. In jeder Gemeinde begleitet eine Koordinatorin die Mitglieder und führt die zwei Menschen zusammen («Tandem» genannt), die sich gegenseitig unterstützen.

Daneben erbringen Freiwillige vielfältige Leistungen in Institution, zum Beispiel Fahrdienste, Wegbegleitung oder die Bedienung in der Cafeteria. Die Gebenden betonen einstimmig, wie lehrreich, sinnstiftend und geschätzt ihre Tätigkeiten sind. Ältere Menschen, die Hilfe benötigen, sind häufig zurückhaltend und melden ihre Bedürfnisse nicht an, da sie in der Vergangenheit keine Stunden geleistet und deshalb das Gefühl haben, keine Leistungen beziehen zu dürfen. Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Genossenschaften, diese Haltung zu entkräften.

Eine professionelle Organisation benötigt neben Helfern auch Finanzen. Diese sind für die ersten drei Jahre nahezu gesichert. KISS möchte der Bevölkerung und den Entscheidungsträgern zuerst den Nutzen und das Sparpotential belegen, bevor ein Beitrag für den Betrieb oder öffentliche Gelder beantragt werden.

Mit der breiten Akzeptanz und flächendeckenden Ausbreitung der KISS Genossenschaften wird die Integrierte Versorgung um eine wichtige Dimension erweitert. Und werden mehr Menschen bereit sein, Hilfe anzunehmen und mitzumachen, weil sie die geleisteten Stunden eines Tages beziehen und sich entlasten können.

Weiter Informationen: 




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