Mehr Lebensqualität dank sorgfältiger «Schlechtwetterplanung»


Der fmc-Förderpreis 2016 geht an das Projekt «Plan B – Interprofessionelle, transsektorale Vorausplanung in der Palliative Care und Betreuung am Lebensende». Professor Steffen Eychmüller, Ärztlicher Leiter des universitären Zentrums für Palliative Care am Inselspital in Bern, beleuchtet die Hintergründe und Absichten des Projekts.


Marc Cikes gratuliert Prof. Steffen Eychmüller

Interview mit Prof. Steffen Eychmüller

Was läuft heute falsch bei der medizinischen Betreuung in der letzten Lebensphase?

Falsch ist wohl unrichtig. Zu verbessern ist erstens die Einsicht, dass es am Lebensende um mehr als nur medizinische Betreuung geht, sondern auch um psychosozialen und spirituellen Support. Zweitens, dass die Entscheide häufig nur auf medizinische Diagnosen und nicht auch auf Patientenpräferenzen gestützt sind. Und drittens, dass die Kommunikation zwischen den Betroffenen und den Fachpersonen – aber auch unter den Fachpersonen – häufig unorganisiert, unklar und wenig empathisch ist.

Besteht nicht die Gefahr, dass mit der strukturierten Planung der Sterbephase die Hoffnung auf das Leben aufgegeben wird?

Es geht bei der Vorausplanung nicht um eine Strukturierung der Sterbephase. Im Gegenteil, es geht um eine Planung, in der individuelle Wünsche für eine möglichst gute Lebensqualität in der letzten Lebensphase den roten Faden bilden. Hinzu kommt, dass eine gute Vorausplanung – namentlich das Sprechen über Ängste, welche die Sterbephase begleiten – den Stress massiv reduzieren kann. Es gibt hinreichend Erkenntnisse, dass eine sorgfältige «Schlechtwetterplanung» die Lebensqualität in den letzten Monaten des Lebens enorm verbessert – auch für die Angehörigen.

Ihr Konzept sieht eine «interprofessionelle, transsektorale Vorausplanung» vor. Welche medizinischen und sozialen Leistungserbringer gehören dazu? Wer übernimmt die Koordination?

Bei fortgeschrittenen Erkrankungen stehen körperliche, psychische, soziale und spirituelle Probleme ebenso in enger Verbindung wie die entsprechenden Ressourcen. Dafür braucht es die unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Professionen sowie eine Menge gesunden Menschenverstand. Deshalb benötigt es auch die sehr respektvolle Partnerschaft mit den Betroffenen, den Patienten und den Angehörigen. Dieses Netz braucht in verschiedenen Phasen möglicherweise verschiedene «Bergführer» oder «Bergführerinnen»; diese müssen aber je nach Thema sehr klar definiert sein. So kann zu Hause eine Angehörige die Bergführerin sein, in einem Spital eine Kaderärztin oder erfahrene Pflegefachperson, und in einem Pflegeheim eine Seelsorgerin. Die zentralen Aufgaben sind jeweils die beste Kommunikation zwischen allen Beteiligten sowie die Dokumentation.

Sie haben es schon angedeutet: Die Angehörigen oder andere Vertrauenspersonen können bei der Planung der letzten Lebensphase ein zentrale Rolle spielen.

So ist es: einerseits als wichtiges Sprachrohr für die betroffenen Kranken, andererseits als Mitbetroffene. Das geht bis zur Rolle als Zeuge oder Zeugin eines Lebensende- und Sterbeprozesses, der dann für das eigene Lebensende oder Sterben massive Auswirkungen haben kann: Entweder bewirkt ein menschlich warmer, intimer, gut kommunizierter, leidensarmer Weg wenig Angst vor dem eigenen Ende. Oder der «Horror» vor der Endphase wird angestachelt, weil man vielfältige Unzulänglichkeiten erlebt. Es geht also auch darum zu erfahren, dass eine hervorragende Qualität in Kommunikation, Behandlung und Betreuung am Lebensende ein hoher Wert ist in unserer Gesellschaft und im Gesundheitswesen.

Fachleute werden primär dafür aus- und weitergebildet, Menschen am Leben zu erhalten. Was brauchen sie, um Sterbende sorgsam zu begleiten?

Vieles ist schon erwähnt, zum Beispiel zuhörende Kommunikation, der psychosoziale und spirituelle Support. Hinzu kommen eine gewisse Bescheidenheit bezüglich aller medizinischen Errungenschaften sowie eine liebevolle Selbstrelativierung als Fachperson. Dazu gehört zu anerkennen, dass es zusätzlich zur Zell- oder Organmedizin viel «Heilsames» gibt, zum Beispiel die Kraft des Miteinander in einem bestens koordinierten Team oder das Wissen um effektive Leidenslinderung bei sehr belastenden Symptomen.

Sie beschäftigen sich im Beruf hauptsächlich mit der letzten Lebensphase. Was wünschen Sie sich selbst für Ihre letzte Lebensphase?

Ein tragendes Netz aus Menschen, denen ich vertraue, und die Neugier und einen klaren Kopf, mich mit den Veränderungen in dieser Lebensphase auseinandersetzen zu können – wozu auch die Frage gehört, ob die Erkenntnisse der Palliative Care wirklich hilfreich sind. Ausserdem möchte ich schon weit im Vorfeld jeden Tag ein wenig lernen und üben, was denn den Sinn ausmacht: wahrscheinlich das Leben in Beziehungen, nicht zuletzt auch mit der Natur – und eine grosse Dosis Gelassenheit.

Interview: Urs Zanoni

Poster




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