Hin zum heissen Herbst

Ignazio Cassis, Nationalrat FDP.Die Liberalen, fmc-Vorstandsmitglied


Sessionsrückblick: Wenn das Geld zum bestimmenden Thema wird und keiner sagt: «Ich brauche weniger!»


Ignazio Cassis

Die Sommersession ist beendet, die Sommerwärme kann uns einheizen – bis zum heissen (Wahl-)Herbst! Am 18. Oktober wählt das Stimmvolk den National- und Ständerat. An jenem Tag endet auch die 49. Legislatur der modernen Schweiz (1848) – und es startet die 50.

Welche Geschenke dieser runde Geburtstag der Schweiz bringen wird, ist ungewiss. Auf der politischen Agenda stehen riesige Herausforderungen: die zunehmende De-Industrialisierung, unsere heikle Beziehung mit der EU, die noch unklare energetische Versorgung, der wachsende Sozialstaat. Auch die Beziehung zwischen den Menschen in unserem Land und dem Staat sowie der direkten Demokratie wird ein zentrales Thema sein. Welche Verantwortung ist der Einzelne bereit zu übernehmen? Wie viele und welche Freiheiten sind ihm wichtig? Alte Themen werden wieder aktuell.

Nebenbei werden uns auch gesundheitspolitische Themen beschäftigen. Wobei es in erster Linie um das Fine Tuning eines grundsätzlich gut funktionierenden Systems geht. So verabschiedeten wir im Parlament am 19. Juni das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier und das Transplantationsgesetz mit grosser Mehrheit. Neben dem Medizinalberufegesetz, das wir bereits am 20. März genehmigten, und dem Heilmittelgesetz sowie dem Unfallversicherungsgesetz, das wir höchstwahrscheinlich am 25. September 2015 verabschieden werden, sind hie und da kleinere Änderungen zu erwarten. Selbstverständlich kann jede noch so kleine Änderung für die Betroffenen eine wichtige sein, aber die Zukunft der Schweiz hängt nicht vom Preis der Autobahnvignette ab.

Der Staat besitzt kein Geld!

Die Sommersession war stark vom Geld geprägt. Der Verteilungskampf wird immer härter: Während meinen acht Jahren im Parlament habe ich die Erfahrung gemacht, dass in einem wohlhabenden Staat wie der Schweiz die Bedürfnisse nur steigen können; nie hat uns mal jemand gesagt: «Ich brauche weniger!» Von den Bauern bis zu den Ärzten, von der Kulturwelt hin zum Sozialstaat, von der Bildung bis zur Infrastruktur und der Mobilität: Alle wollen immer mehr öffentliches Geld. Und übersehen das Dilemma: Es gibt kein öffentliches Geld, der Staat besitzt kein Geld – er verwaltet das Geld der Steuerzahler!

Wenn der Staat mehr Geld braucht, muss er die Steuern erhöhen oder mittels Gesetzen neue Abgaben bestimmen. So haben wir in der Sommersession der Kulturwelt für die nächsten vier Jahren Kredite von 1.15 Mia. Franken genehmigt und beim Konsolidierungs- und Aufgabenüberprüfungspaket darauf verzichtet, viele vom Bundesrat vorgeschlagene Ersparnisse zu machen. Der hochgejubelte bürgerliche Schulterschluss hat versagt. Sparen ist kaum mehrheitsfähig und vier Monaten vor den Wahlen definitiv nicht. Der Schulterschluss war ein Schulterschnellschuss. Punkt Schluss!

Ein weiteres grosses Thema war der interkantonale Finanzausgleich; dabei hat man den Gesundheitszustand der Kantone gut gespürt. Wie erwartet, kam es zu einer Wahlveranstaltung; Geber- und Nehmerkantone kämpften um das Geld, die Fraktionen waren verschwunden: Man sitzt zwar im eidgenössischen Parlament, ist aber im Kanton gewählt! Das Resultat: Der Grundbeitrag wird um 165 Mio. Franken gesenkt. Die Geberkantone werden zwischen 2016 und 2019 um 67 Millionen Franken entlastet.

Kühlen Kopf bewahren im heissen Wahlherbst

In der Armeereform ist man auch nach der Sommersession keinen Schritt weiter. SP und Grüne wollen die Armee abbauen und die Truppenstärke auf 80‘000 Personen reduzieren. Die SVP will am Bestand von 140‘000 festhalten. Das Ping-Pong geht also im Ständerat weiter.

Jeden Tag eine Vielfalt an Themen, dazwischen unzählige Treffen und Gespräche mit Journalisten, Kollegen, Lobbyisten. Und im Kopf der Wahlkampf und die bohrende Frage: Wird die Herbstsession meine letzte sein? Die Antwort wissen nur jene, die nicht mehr kandidieren!

Eine Klarheit habe auch ich: Diese Kolumne ist die letzte – entweder die letzte der 49. Legislatur oder meine letzte als Nationalrat. Ich hoffe, ich konnte Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dem politischen Alltag etwas näher bringen und Ihnen Einblick geben in die Entscheidungsprozesse des Schweizer Parlaments. Manchmal habe ich mich bewusst von der Gesundheitspolitik entfernt hin zu weltanschaulichen Überlegungen und Ihnen ziemlich ungeniert meinen freisinnigen Geist gezeigt – ja, diese Freiheit habe ich mir genommen. So wie ich hoffe, dass Sie im heissen Wahlherbst kühlen Kopf bewahren und Ihre Wahlfreiheit nutzen!




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