Wertvolle Stützen des Gesundheitswesens

Susanne Wenger, freie Journalistin


Zehntausende Frauen und Männer pflegen in der Schweiz Familienmitglieder. Ohne diese Gratisleistungen würden die Gesundheitskosten stark steigen. Doch die Helferinnen und Helfer brauchen selber Unterstützung. Das hat nun auch die Politik erkannt.


Susanne Wenger

Sie tun es aus Liebe. Aus Dankbarkeit. Oder weil sie sich verpflichtet fühlen. Zehntausende Töchter, Söhne, Partnerinnen und Partner in der Schweiz lassen ihre Nächsten nicht im Stich, wenn diese im Alter oder wegen einer Krankheit pflegebedürftig werden. Sie unterstützen ihre Verwandten emotional und psychisch, sie kümmern sich um Soziales und das Geld, sie organisieren Hilfe, übernehmen Transporte und Aufgaben im Haushalt. Und sie leisten auch eigentliche Pflege. Allein unter den Erwerbstätigen nehmen rund 330'000 Personen regelmässig Betreuungs- und Pflegeaufgaben bei Angehörigen wahr, wie der Bundesrat in einem Ende 2014 veröffentlichten Bericht festhält. Dazu kommen die vielen Pensionierten, die sich um ihre gebrechlich gewordenen Lebensgefährtinnen und -gefährten kümmern.

Die Einsätze sind viel wert, nicht nur zwischenmenschlich, auch volkswirtschaftlich. Rund 64 Millionen Pflege- und Betreuungsstunden leisteten Angehörige im Jahr 2013. Das ergab eine Studie des Spitexverbands Schweiz, die letzten Herbst publiziert wurde. Müsste diese Gratisarbeit bezahlt werden, würde das gemäss der Studie 3,5 Milliarden Franken kosten. Das Gesundheitswesen würde sich massiv verteuern. Zum Vergleich: Der Gesamtaufwand aller Spitex-Organisationen lag 2013 bei 1,9 Milliarden Franken.

Frauen nicht mehr unbeschränkt verfügbar

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird es künftig mehr Betagte geben, und Demenzerkrankungen nehmen zu. Das heisst: Es braucht noch mehr Pflege. Für immer mehr institutionelle und professionelle Pflege stünden indes weder die finanziellen Mittel noch genügend Fachpersonal zur Verfügung, warnt die Landesregierung. Dazu kommen veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Zwar holen die Männer auf, doch noch immer pflegen mehrheitlich Frauen die Angehörigen. Das ergab 2010/2011 die «Swiss Age Care»-Studie im Auftrag des Spitexverbands Schweiz. In der Deutschschweiz sind zwei Drittel der pflegenden Angehörigen weiblich, in der Romandie drei Viertel. Heutzutage sind aber gut ausgebildete, erwerbstätige Frauen nicht mehr unbeschränkt verfügbar. Und mit steigender Mobilität leben die Familien oft weit auseinander.

So sinnstiftend die Pflege von Familienmitgliedern sein kann, so arg kann sie an den Kräften zehren. Bis zu 60 Stunden wöchentlich investieren Deutschschweizer Angehörige in die Betreuung. Zu den Stressquellen gehören die grosse Verantwortung, chronische Besorgnis und soziale Isolation. Vor allem, wenn pflegende Angehörige selber bereits betagt sind oder einer Erwerbsarbeit nachgehen und auch noch andere Betreuungspflichten zu erfüllen haben, sind die Grenzen irgendwann erreicht. Und das geht auf Kosten der Gesundheit der pflegenden Angehörigen. Reduzieren diese – meist die Töchter – die Erwerbstätigkeit oder geben sie den Beruf gar ganz auf, gewärtigen sie Lohn- und Renteneinbussen.

Aktionsplan des Bundes

Lange Zeit nahm die Politik die Situation pflegender Angehöriger kaum zur Kenntnis. Die Gratisdienste wurden wohl als selbstverständlich erachtet. Das hat sich – unter dem Druck der demografischen Alterung – nun geändert. Ende 2014 verabschiedete der Bundesrat einen Aktionsplan, um die Angehörigen besser zu unterstützen, zusammen mit Kantonen, Gemeinden, Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft.

Der Aktionsplan sieht vor, pflegende Angehörige breiter zu informieren, sie mit Angeboten zu entlasten, rechtlich stärker abzusichern und die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu erhöhen. Geprüft wird auch ein Betreuungsurlaub mit Lohnfortzahlung, finanziert über eine Sozialversicherung. Fünf Kantone und mindestens elf Gemeinden richten bereits heute direkte Zulagen an pflegende Angehörige aus – meist minimale Beträge, mit denen die Angehörigenpflege mindestens ein Stück weit anerkannt wird. Eine wichtige Rolle bei der Unterstützung pflegender Angehöriger spielt gemäss dem bundesrätlichen Bericht die Spitex mit ihren Pflege- und Hauswirtschaftsleistungen. Der Spitexverband Schweiz, in dem die gemeinnützigen Spitex-Organisationen zusammengeschlossen sind, gibt dem Thema viel Gewicht. In einem 2014 aktualisierten Rahmenkonzept zur Angehörigenarbeit werden vier Handlungsfelder festgelegt: Zusammenarbeit, Entlastung, Information sowie Unterstützung und Beratung.

Besonders bei der fachlichen Anleitung von Angehörigen könne die Spitex ihr ganzes Know-how einbringen, sagte Zentralsekretärin Beatrice Mazenauer 2014 in einem Beitrag des «Spitex Magazin». Voraussetzung sei allerdings, dass die öffentliche Hand solche Anleitungsleistungen verstärkt abgelte. In der Deutschschweiz gibt es an einigen Orten auch das Modell, dass Spitex-Organisationen pflegende Angehörige anstellen und sie so für ihre Arbeit vergüten.




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