«Neben der Eigenverantwortung braucht es auch eine kollektive Verantwortung»

Erich Tschirky

fmc-Interview 2/2016, 9. Mai 2016

Am 6. April 2016 verabschiedeten der Bundesrat und die Kantone die nationale Strategie zur Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten 2017-2024 (NCD-Strategie). Prävention hat aber einen schweren Stand – auch in der Integrierten Versorgung. Erich Tschirky, Geschäftsführer der Gesundheitsligen-Konferenz (www.GELIKO.ch) ist trotzdem zuversichtlich, dass sich die Situation von chronisch kranken Menschen in der Schweiz substanziell verbessern wird.

Wer nach der Präsentation der NCD-Strategie im Internet die Kommentare sichtete, las vor allem eines: «Um Himmels Willen, noch mehr Bevormundung». Weshalb hat die Prävention ein so schlechtes Image?

Die Volksweisheit «Vorsorgen ist besser als Heilen» ist zwar bekannt und akzeptiert, doch den meisten Menschen fällt es oft schwer, dieser Erkenntnis nachzuleben. Zudem empfinden viele Leute die Appelle, einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu pflegen, als genussfeindlich. Kommen sie gar vom Staat, heisst es rasch: «Da wird meine persönliche Freiheit unzulässig eingeschränkt.» Verantwortlich für das schlechte Image der Prävention sind auch Wirtschaftszweige mit Produkten, welche die Gesundheit wirklich gefährden können. Organisationen wie die «Allianz der Wirtschaft für eine massvolle Präventionspolitik», die vor allem die Interessen der Alkohol- und Tabakindustrie vertritt, investieren – zusammen mit ihren Mitgliedern – seit Jahren viel Geld, um Regulierungen ihrer Produkte zu verhindern und Präventionsbemühungen gezielt zu diskreditieren.

Aber gerade solche Organisationen oder Anbieter sprechen immer von mündigen und eigenverantwortlichen Konsumenten, die wissen, was sie tun!?

Die Stärkung der Selbstverantwortung ist absolut zentral – und eine der strategischen Zielsetzungen der NCD-Strategie. Doch die Rechnung «Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt», greift leider zu kurz. Neben der Eigenverantwortung braucht es auch eine kollektive Verantwortung. Gezielte Verhältnisprävention kann die Lebensbedingungen so gestalten, dass ich effektiv die Möglichkeit habe, mich gesundheitsförderlich zu verhalten. Erinnern wir uns an die Zeit, als in Flugzeugen und Zügen noch geraucht wurde. Nichtraucher hatten damals alles andere als Wahlfreiheit. Bei vorgefertigten Nahrungsmitteln mit hohem Salzgehalt – um ein aktuelleres Beispiel zu nehmen – kann ich mit dem Salzstreuer nicht mehr selber entscheiden und werde damit in meiner Eigenverantwortung eingeschränkt.

Die Technik bietet heute vielfältige Möglichkeiten, um die Prävention zu unterstützen – Smartwatches, Apps, Online-Plattformen zur Verwaltung der gesammelten Daten. Dazu gibt es lediglich einen Link im Anhang der NCD-Strategie. Ist das Dokument veraltet, bevor es umgesetzt wird?

Im Dokument sind die mittel- und längerfristigen strategischen Ziele und Handlungsfelder zur besseren Vorbeugung von chronischen Krankheiten formuliert. Die im Anhang aufgeführten Projekte und Links dienen lediglich als Beispiele zur Konkretisierung der Strategie. Die schwierige Aufgabe, die NCD-Strategie nun in griffige Massnahmen umzusetzen, steht noch bevor. Der bestmögliche Einsatz von technischen Hilfsmitteln wird dabei ein wichtiger Erfolgsfaktor sein.

Die Strategie könnte den Gesundheitsligen Auftrieb geben. Wo werden Sie ansetzen?

Die Gesundheitsligen engagieren sich traditionell stark in der Prävention von Krankheiten. Ausserdem sind sie mit anderen nationalen Organisationen in der Allianz Gesunde Schweiz (www.allianzgesundeschweiz.ch) zusammengeschlossen, um sich mit vereinten Kräften für eine Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung in der Schweiz einzusetzen. Eine von der GELIKO vor kurzem veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass Versorgungslücken bestehen in der psychosozialen Betreuung von chronisch Kranken, bei der patientenorientierten Information, bei der Beratung von mehrfacherkrankten Personen sowie bei der Koordination multidisziplinärer Versorgungsleistungen. Neben den bewährten Leistungsangeboten wollen die Gesundheitsligen einen Beitrag zur Schliessung dieser Versorgungslücken leisten. Dafür wollen sie ihre Angebote entsprechend ausbauen und eine engere Zusammenarbeit untereinander prüfen – das Potenzial der Gesundheitsligen in der Integrierten Versorgung ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Die Ligen sind aber nicht die einzigen, welche die Prävention im Auge haben. Andere sind zum Beispiel die Apotheken oder die Migros mit ihren Arztpraxen, Fitnesszentren und weiteren Angeboten. Sind das vor allem Konkurrenten? Wo sehen Sie Möglichkeiten zur Zusammenarbeit?

Ich erlebe die Beziehung zu solchen Organisationen nicht als Konkurrenz. Angesichts der strukturellen Schwäche von Prävention und Gesundheitsförderung in der Schweiz wurden die Kräfte bisher eher gebündelt als gegeneinander ausgespielt. Selbstverständlich kann die bisherige Zusammenarbeit noch gestärkt werden, gerade mit Blick auf die erwähnten Versorgungslücken. Deshalb hoffe ich, dass in der Umsetzungsplanung entsprechende Anreize gesetzt werden.

Stichwort Anreize: Für die Umsetzung der Strategie sind zusätzliche finanzielle Mittel nötig. Wie soll das gelingen, wo doch die Prävention auch in der Politik wenig Rückhalt geniesst?

In der letzten Legislatur haben sich beide Räte für ein Gesetz auf Bundesebene ausgesprochen – das Präventionsgesetz ist nur an einer technischen Hürde knapp gescheitert. Der Handlungsbedarf ist also anerkannt. Mit dem neuen Parlament weht aber tatsächlich ein rauher Wind. Wir werden wohl mehr oder weniger mit den bisherigen Mitteln auskommen müssen. Grosse Hoffnungen setze ich allerdings auf die Kantone, die als Hauptverantwortliche und massgebliche Finanzierer der Gesundheitsversorgung in der Schweiz ein vitales Interesse an einer Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung haben müssen.

Eines der Handlungsfelder heisst «Koordination und Kooperation» und fordert «die Vernetzung der verschiedenen Akteure sowie die Entwicklung zielgerichteter und verbindlicher Zusammenarbeitsformen». Zu erwarten ist aber, dass die einzelnen Akteure, gerade wegen der knappen Mittel, vor allem auf sich selbst schauen und ihre Existenz zu legitimieren versuchen. Einverstanden?

Einverstanden. Der «Faktor Mensch» wird hier sicherlich voll zum Tragen kommen. Immer mehr Schlüsselpersonen bei den beteiligten Akteuren sehen jedoch ein, dass wir den Blick vom eigenen Bauchnabel lösen und die Kräfte bündeln müssen, um Prävention und Gesundheitsförderung stärken zu können.

Nehmen wir zum Beispiel den Diabetes: Wie müsste man vorgehen, um eine optimale Integration aller Beteiligten zu erreichen?

Gerade in diesem Thema sind einige sehr erfolgversprechende Initiativen am Laufen sind, zum Beispiel das Programme cantonal Diabète (pcd.diabete-vaud.ch). Oder Projekte des Vereins QualiCCare (http://qualiccare.ch/teilprojekt-diabetes/), mit denen konsequent in Richtung bessere Integration gearbeitet wird.

Die Strategie ist auf acht Jahre angelegt. Was wird sich Ende 2024 messbar verbessert haben?

In der Integrierten Versorgung werden wir substanzielle Fortschritte erzielen. Dank stärkerer Systematisierung und Automatisierung, zum Beispiel mit dem elektronischen Patientendossier, dürfte sich die Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Gesundheitsförderung und Prävention deutlich verbessern. Zu erwarten ist auch eine gewisse Strukturbereinigung unter den Akteuren. Zu hoffen ist schliesslich, dass Ende 2024 die Strategie für die Folgejahre bereit ist für die Umsetzung.

 

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Zur Person

Erich Tschirky und die GELIKO

Erich Tschirky ist Co-Inhaber und Geschäftsführer von PHS Public Health Services sowie Geschäftsführer der Gesundheitsligen-Konferenz (GELIKO). Der Rechtsanwalt und NPO-Manager (MBA) ist seit 25 Jahren im Gesundheitswesen tätig, zehn davon beim Bundesamt für Gesundheit.

Die Schweizerische Gesundheitsligen-Konferenz (www.GELIKO.ch) vereinigt 16 Organisationen mit rund 1‘100 Vollzeitstellen, die sich um alle Belange von chronisch kranken Menschen kümmern. Damit bildet die GELIKO einen wichtigen Pfeiler im Schweizer Gesundheitswesen. Die Mitglieder-Organisationen leisten pro Jahr über 400‘000 Stunden Beratungen und bieten fast 4000 Kurse für Betroffene und Angehörige an.

Interview

Das Interview führte Urs Zanoni, MPH